Ausflug nach Nürnberg

Frau S. war seit Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland, und doch ist sie irgendwie Nürnbergerin.  Hier wurde sie nämlich geboren, mitten im zweiten Weltkrieg, als Tochter von  ukrainischen Zwangsarbeitern. Mit der Mutter zog sie nach dem Krieg zurück nach Kiew. An ihren Vater, der die schlechten Bedingungen damals nicht überlebt hat, kann sie sich kaum erinnern. Der Verlust hat sie ihr ganzes Leben lang nicht losgelassen. Als wir Frau S. bei unserem Kiew-Besuch im Herbst 2013 zum ersten Mal treffen, hat sie deswegen nur einen Wunsch: Das unbekannte Grab des Vaters finden und dort Blumen niederlegen. Gestern sollte der Wunsch  endlich in Erfüllung gehen.

Um halb neun machen wir uns in München auf den Weg, um 11 Uhr erreichen wir unser Ziel. Im Bus herrscht eine seltsame Stimmung: Alle wissen, wie viel Frau S. dieser Tag bedeutet, deshalb sind wir angespannt. Gleichzeitig freuen wir uns auf die übrigen Programmpunkte des Tages und die ukrainischen Jugendlichen bringen uns ein Lied bei:

Jak u nas na Ukraini
vsi lany kvituchi
Tak u nas na Ukraini
Ljudy vsi spivuchi.

Wie es bei uns in der Ukraine ist,
alle Wiesen sind blumig,
So ist es bei uns in der Ukraine,
alle Leute sind musikalisch.

In Nürnberg geht es zunächst ins Rathaus: Der Bürgermeister persönlich begrüßt uns in der, nach seinen Worten, „schönsten Stadt in ganz Bayern“. Anschließend spazieren wir durch die Altstadt, und wissen schnell wovon er redet: An der einen Ecke reihen sich traditionelle Fachwerkhäuser aneinander, andernorts blitzt immer wieder die alte Stadtmauer zwischen moderneren Gebäuden aus der heutigen Zeit hervor.  Über all den verschiedenen Eindrücken thront das Wahrzeichen der Stadt, Nürnbergs mittelalterliche Burg. Im Krieg wurde auch sie schwer beschädigt, danach aber in ihrer historischen Form restauriert. Im „Burgwächter“, einer Gaststätte gleich nebenan, machen wir Mittag: Rostbratwürstchen mit Kartoffel- und Krautsalat. Es schmeckt sehr gut, finden auch unsere ukrainischen Gäste und sehen ein kleines Vorurteil über Bayern auf diese Weise bestätigt.

Dann trennt sich unsere Gruppe: Der größere Teil besucht zuerst den Justizpalast, wo kurz nach Kriegsende die Nürnberger Prozesse stattfanden. Hermann Göring, Rudolf Heß und weitere Köpfe der Naziführungsebene wurden hier für ihre Taten gerichtet. Ein Guide führt uns durch das Gebäude, und erklärt uns auf Russisch, was es alles zu sehen gibt. Zum Beispiel  ist da eine unscheinbare, schmale Holzbank ausgestellt, auf der die Angeklagten damals Platz fanden – immer unter den wachsamen Augen der Polizei. Der deutsche Teil der Gruppe erhält Audioguides für die Ausstellung.
Im weiteren Verlauf des Nachmittags geht es um Nürnbergs eigene, braune Vergangenheit, mit der sich die Stadt aber zumindest auseinandersetzt:  Am  sogenannten „Plärrer“ ist seit mehreren Jahren eine Metallskulptur ausgestellt, bestehend aus ca. dreitausend, etwa fingergroßen Figuren, die einander an den Händen halten und dadurch eine Art Gitter formen. Das Mahnmal, namens „Transit“ erinnert an die Zwangsarbeiter in der Stadt, und auch der Ort ist bewusst gewählt: Er diente den Verschleppten als geheimer Treffpunkt.IMG_4937

Anschließend besichtigen wir das ehemalige Reichsparteitagsgelände, auf dem zwischen 1933 und 1938 die Parteitage von Hitlers NSDAP stattfanden. Der Größenwahn der nationalsozialistischen Ideologie lässt sich hier noch heute erahnen: auf einem Areal von 11 Quadratkilometern sollten hier unter anderem Marschplätze, eine Kongresshalle mit 16.000 Plätzen und  eine „Deutsche Arena“ für Sportveranstaltungen entstehen.  Gebaut wurde mit Ziegeln, Granit und Sandstein. Heute schätzen Wissenschaftler, dass die gesamten Granitvorräte Europas hätten geplündert werden müssen, um die Pläne in die Tat umzusetzen. Zum Glück wurden die meisten Gebäude aber niemals fertig gestellt. Heute sind weite Teile des Geländes als Park umfunktioniert, dazwischen ragen die Bauruinen als stumme Zeitzeugen in den Himmel.  Zweieinhalb Stunden sind wir unterwegs, und schaffen es gerade mal rund ein Drittel der Fläche zu erkunden. Gerade für unsere Senioren ist das ziemlich anstrengend. Deshalb haben wir einen Rollstuhl dabei – wer müde ist, wird vom Rest der Gruppe eine Zeit lang geschoben.IMG_4941

Frau S. ist auf dem historischen Rundgang nicht dabei. Sie und ein kleinerer Teil der Gruppe sind stattdessen zum Friedhof aufgebrochen.  Obwohl wir ungefähr wissen, wo das Grab des Vaters liegen muss, ist es nicht einfach zu finden: Mehrere ähnliche Gräber gibt es auf dem Friedhof, jedes mit einer Steinplatte versehen, auf der rund 500 Namen stehen. Ein Name für jeden Menschen, der dort beerdigt ist. Der Vater ist nicht der einzige Zwangsarbeiter, der die Zeit in Nürnberg nicht überlebt hat. Dann ist es endlich soweit. Frau S. putzt Tannennadeln von dem Grabstein weg, unter dem ihr Vater liegt. Dann legt sie Blumen nieder, ukrainisches Brot und ukrainische Erde. Außerdem ein Foto des Vaters. Sie weint. Sie ist lange still.

Am Ende des Tages fahren wir mit dem Bus zurück nach München. Es ist stiller als am Morgen, alle sind ein bisschen müde. Wenn in Zukunft jemand an einem bestimmten Grab auf einem bestimmten Nürnberger Friedhof zufällig vorbeigeht, dann hat sich aber etwas verändert. Blumen erinnern daran, dass die Menschen die dort liegen, mehr als Namen sind. Dass sie Familie haben und nicht einfach vergessen wurden. Auf dem Grab liegt jetzt ein Foto, es zeigt das Gesicht eines dieser Menschen.

L. Brandl

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